Re: Wir müssen alle mehr arbeiten.

Mich stören an dieser ‚Wir müssen mehr arbeiten.‘ Debatte fünf zentrale Punkte:

01

Wir müssen nicht mehr Arbeiten, wir sind ein schlaues Land. Wir müssen schlauer arbeiten. Wertschöpfung passiert nicht durch Arbeitskraft x Zeit, sondern durch mehr Umsatz in kürzerer Zeit. 1 Stunde schlauer investieren, dass 2x, 3x, 10x mehr pro Stunde an Umsatz (und ihm anhängiges) herauskommt. So funktioniert doch die Tech- und AI-Industrie.

02

Selbstständigkeit schafft ebenfalls Wertschöpfung und Sozialbeitrag, exponentiell ebenfalls schneller mehr als Arbeitskraft in Anstellung. Wollen wir unser ganzes Land in Zwangsarbeit industrieller Arbeitskraft-Mechanismen bringen? Warum diskutiert niemand, wie wir schneller mehr Menschen in Selbstständigkeit bringen, gerade wenn wir Entlassungswellen erleben?

03

Wieso will niemand verstehen, dass wir eine Soziale Marktwirtschaft und einen Sozialrechtsstaat haben, der eben nicht nach amerikanischem Modell oder Herrn Milei funktionieren kann, als klare Errungenschaft der Sicherung vor Vollscheitern. Das ist eine herausragende Qualität, dass bei uns Menschen scheitern dürfen, weil der Staat dann bestenfalls noch eingreift. Ich wünsche mir Ehrbare Kaufmannschaft, die jede:r Unternehmer:in eigentlich gesetzlich gar auferlegt ist, dieses Verständnis für absolute Freiheit vs. Absicherung zu etablieren.

04

Ich behaupte, die, die es finanziell geschafft haben, rufen am lautesten nach Rückbau des Sozialstaates, weil er für sie keinen Wert stiftet, sondern nur eine Ausgabenposition darstellt. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass gerade diesen nicht in 10, 20 Jahren oder später auch einmal das Vermögen verloren gehen kann. Das Risiko Solidarität gehört eben zu einer funktionierenden Gesellschaft, Sozialen Marktwirtschaft wie einem Sozialrechtsstaat dazu. Wenn wir das Soziale abschaffen würden, dann doch in allem, wovon auch die profitieren, die es ‚geschafft‘ haben. Wer ist denn davon befreit, kein pflegebedürftiges Familienmitglied, keinen Bedarf auf einen Kita-Platz, Straßenzugang, etc. zu haben? Seit doch bitte alle endlich einmal ehrlich zu Euch selbst und Euren Mitmenschen auf allen Seiten des Marktes, statt immer nur auf das Konto und eigene Seilschaften zu schauen. Ihr habt Mitgefühl für Andere, Schwächere, Minderbemitteltere.

05

Wir sind ein alterndes Land, das vom 2. Weltkrieg finanziell noch immer belastet ist, und schon seinerzeit mit Ende den Staatsdienst als Einsatz an der Demokratie besonders belohnte. Der Apparat Staat ist zu inperformant, menschenfremd – und deshalb zu teuer. Der Apparat Staat stiftet keinen für alle spürbaren, emphatischen Wert, schon allein an Behörden-Kommunikation jeglicher Couleur nachzuvollziehen, wie von oben herab mit Menschen umgegangen wird. Menschen zahlen jedoch nur gern für Service, das Kernwesen einer finanziellen Existenzberechtigung. Guter Staatsdienst liefert guten Service. Das schließt performende Beamt:innen gerade nicht aus. Technologie kann nicht alles.

– Marcus Podorf

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